Muslimbrüder starten bewaffneten Widerstand

Protestlager Kairo Räumung (Quelle: Reuters)Es war ein trauriger Tag, den Ägypten am Mittwoch erleben musste. Nachdem die Streitparteien nach wochenlangen Gesprächen keine Einigung über eine gemeinsame Lösung der Staatskrise erzielen konnten, war die Regierung am Morgen zur Räumung der Protestcamps der Muslimbrüder übergegangen, woraufhin die Lage eskalierte. Die Muslimbrüder reagierten nun mit einem Übergang zum offenen bewaffneten Widerstand und brachten sich damit vielleicht endgültig ins politische Abseits.

Am frühen Morgen begannen die Sicherheitskräfte mit der Erstürmung der Protestlager und setzten Bulldozer und Tränengas ein. Im Verlauf der folgenden Auseinandersetzungen kam es zum Gebrauch von Schusswaffen, wobei derzeit noch Uneinigkeit besteht, welche Seite zuerst das Feuer eröffnet hat.

Die eskalierende Lage lässt den Interimspräsidenten daraufhin einen einmonatigen Notstand ausrufen, welcher den Sicherheitskräften mehr Rechte zum harten Durchgreifen gegen die Aufständischen gibt.

Unterdessen geht die Armee nicht nur gegen die Muslimbrüder vor, sondern auch gegen Journalisten, die über dieses Vorgehen berichten. So wurde unter anderem ein Kameramann von Sky News gezielt von Scharfschützen getötet.

Die Anhänger der Muslimbrüder scheinen nun ihre Attacken nicht mehr nur gegen die Sicherheitskräfte zu richten, sondern auch Racheaktionen gegen religiöse Minderheiten zu starten. Eine ganze Reihe koptischer Kirchen und verbundener Einrichtungen gingen in Flammen auf. Wer hinter diesen Taten steht, ist momentan noch nicht bekannt, aber die Vermutung liegt nahe, dass die Angreifer in islamistischen Kreisen zu suchen sind.*

Das Ausland zeigte sich über diese Eskalation der Lage überwiegend entsetzt und forderte von der ägyptischen Führung eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. Versuche, Druck auszuüben, werden in Anbetracht der dramatischen Situation wohl kaum noch Wirkung zeigen. Die USA hatten beispielsweise angekündigt, ein geplantes gemeinsames Militärmanöver mit Ägypten abzusagen.

Wie gespalten Ägypten auch sein mag, so gibt es auch Stimmen, die sich für eine friedliche und einvernehmliche Lösung stark machen. Zu diesen zählt der Großscheich der Al-Azhar, Ahmed al-Tayyeb, welcher vielen sunnitischen Muslimen weltweit als höchste religiöse Autorität gilt, aber auch der nun möglicherweise von seinem Amt als Vizepräsident zurücktretende Muhammad El-Baradei, dessen Rücktrittsschreiben an den Präsidenten die Wahl der gewaltsamen Konfliktlösung als klare Fehlentscheidung ausweist:

„Ich glaubte, dass es akzeptable friedliche Alternativen gegeben hat, um unsere gesellschaftliche Konfrontation aufzulösen. (…) Die einzigen Nutznießer dessen, was heute passiert ist, sind extremistische Gruppen.“

Ob diese Einschätzung zutrifft, wird die Zukunft zeigen. Zweifellos haben die Muslimbrüder ihre momentane Rolle selbst gewählt. Damit riskiert die Bruderschaft bei vielen Ägyptern auch den Rest von Sympathie, der ihr nach ihrer einjährigen Regierungszeit noch geblieben war. Ohne ausreichende Unterstützung ist jedoch selbst eine solch traditionsreiche Gruppierung weitgehend machtlos. Was sie allerdings jederzeit stiften kann, ist Terror. Dieser Terror wiederum hat auch eine gewisse Tradition.


* Nachtrag (18.08.2013): Es häufen sich Zweifel an dieser Schuldzuschreibung. Der deutsche Auslandskorrespondent Jürgen Stryjak nennt hierzu einige Beispiele.

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